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Im März 2022 treten wir einen schon länger geplanten 14-tägigen Kuba-Urlaub an, den wir aus Gründen immer wieder verschieben mussten. Dabei gibt es zwischen meinem Mann und mir den Deal, dass ich – als enthusiastische Hobby-Fotografin – die erste Hälfte der Reise in den Städten Havanna und Trinidad ausgiebig fotografieren darf. Im Anschluss daran wird die zweite Hälfte des Urlaubs einem erholsamen Strandaufenthalt vorbehalten sein. Natürlich haben wir uns auf den kulturellen Teil der Reise vorbereitet (Reiseführer, Google, YouTube-Videos) und sind zusätzlich durch unseren Reiseveranstalter mit einschlägigem Info-Material versorgt worden. Landläufig bekannt ist Kuba für seine Zuckerrohrplantagen, besten Rum, legendäre Zigarren, pastellfarbene Häuser und amerikanische Oldtimer aus den 50er-Jahren. Was wissen wir noch?


Kuba – Ein historischer Abriss


Die karibische Insel wird 1492 von Kolumbus entdeckt, 20 Jahre später von Velazquez erobert und spanische Kolonie. Daran ändert sich 400 Jahre lang nichts. Am Ende des 19. Jahrhunderts führen die Kubaner zwei Unabhängigkeitskriege; in den zweiten Krieg mischen sich die USA aufseiten Kubas ein, besiegen die Spanier und vertreiben sie von der Insel. Nach vierjähriger amerikanischer Militärverwaltung wird Kuba 1902 formal in die Unabhängigkeit entlassen. Die Amerikaner sichern sich allerdings politische als auch wirtschaftliche Eingriffsrechte, von denen sie in der Folgezeit reichlich Gebrauch machen. Unter Präsident Batista, der seit 1952 ein diktatorisches Regime auf Kuba anführt, formiert sich Widerstand innerhalb des kubanischen Volkes. Eine Revolutionsbewegung, die von Fidel Castro angeführt wird, hat den Sturz des Diktators zum Ziel. Batista flieht am 1. Januar 1959, woraufhin Fidel das Amt des Ministerpräsidenten übernimmt und gemeinsam mit seinem Bruder Raúl und dem argentinischen Berufsrevoluzzer Chez Guevara einen sozialistischen Staat installiert. Sie enteignen und verstaatlichen u.a. US-Besitz, woraufhin die USA Kuba mit einem Handelsembargo belegen, das bis zum heutigen Tag Gültigkeit hat und unter dem vorrangig die kubanische Bevölkerung leidet.

Die Geschichte Kubas, dessen Geschicke zunehmend mit der ehemaligen Sowjetunion verknüpft sind, steht seitdem immer wieder im Brennpunkt der Weltöffentlichkeit (Schweinebucht-Invasion, Kubakrise). Seit Auflösung der UdSSR zu Beginn der 90er-Jahre und dem damit verbundenen Ende der wirtschaftlichen Hilfe des großen sozialistischen Bruders, befindet sich Kuba in einer permanenten Wirtschaftskrise. Der Annäherung zwischen Kuba und den USA unter Obama und den damit verbundenen Lockerungen des Embargos erfolgt unter Donald Trump eine erneute Verschärfung der Beziehungen. Was das für die aktuelle Situation im Land und das alltägliche Leben tatsächlich bedeutet, davon können wir uns nun ein eigenes Bild machen.



Es geht los – das Abenteuer beginnt in Havanna


Mitte März also landen wir in Varadero. Von Besuchen der DDR in den 80er-Jahren wissen wir, dass es bei der Einreise in einen sozialistischen Staat durchaus penibel zugehen kann und wundern uns nicht über mehrmalige Kontrollen an Leib und Gepäck. Nachdem das überstanden ist, haben wir einen mehrstündigen Transfer direkt nach Havanna und kommen dort, mitten in der Altstadt, in einer privaten Casa Particular (vergleichbar mit einem Bed & Breakfast) unter. Der Familie, die ihre privaten Räumlichkeiten an Touristen vermietet, können wir mit aus Deutschland mitgebrachten Toilettenartikeln und Süßigkeiten eine kleine Freude bereiten.


Bereits unser erster Spaziergang durch die Altstadt Havannas, der uns vorbei an baufälligen Häusern und über teilweise ungeteerte Straßen führt, offenbart den desolaten Zustand der Hauptstadt Kubas. Uns passieren natürlich auch die legendären Oldtimer, die mal mehr, mal weniger gut restauriert sind. Doch überwiegend sind die Einwohner auf klapprigen Fahrrädern oder zu Fuß unterwegs, in Klamotten, die ihre beste Zeit schon lange hinter sich haben und bepackt mit Einkäufen, die meist aus Wasserkanistern und Gemüsebergen bestehen. Es ist das, worauf sich das Kaufangebot zu beschränken scheint, denn auf der Calle Obispo, der Haupteinkaufsstraße, verlieren sich unsere Blicke in leeren Schaufensterauslagen von Bekleidungs-, Schuh- oder Elektronikgeschäften. Auch Apotheken, Bäckereien und andere Läden des täglichen Bedarfs offenbaren leere Regale. Gibt es dort etwas zu kaufen, bilden sich binnen weniger Minuten meterlange Schlangen. Ein Anblick, den wir in unserer westlichen Überflussgesellschaft nur aus Bildbänden der Kriegs- und Nachkriegszeit kennen. Es gibt so viel Außergewöhnliches zu entdecken – Havanna ist die pure Reizüberflutung und unter den ungewohnten klimatischen Bedingungen übrigens auch körperlich eine große Herausforderung.


Beeindruckende Gegensätze


Die kubanische Hauptstadt beeindruckt mit faszinierenden Gegensätzen: auf engstem Raum wechseln sich prachtvoll restaurierte Kolonialbauten und vollkommen verfallene Bausubstanz ab, fahren schicke Cadillacs, Pontiacs und Buicks neben verrosteten Fahrrädern und Handkarren, strahlen bunte Farben unter der karibischen Sonne besonders intensiv, viele andere Motive sind vom Straßenstaub verdreckt und bedeckt. Für uns offenbart sich allerdings der größte Gegensatz zwischen der maladen wirtschaftlichen Situation, in der sich die Menschen hier befinden und ihrer Offenheit und Fröhlichkeit, die sie trotzdem ausstrahlen. Am späten Nachmittag und Abend kann man sie beispielsweise an der berühmten Küstenpromenade, dem Malecon und über die Plaza Vieja flanieren sehen und die, die es sich leisten können, nehmen sogar einen Drink in den umliegenden Bars oder Restaurants und wenn die Sonne untergeht, wird gesungen und getanzt.

Havanna’s Bewohner scheinen sich mit der Mangelwirtschaft arrangiert zu haben und versuchen das Beste aus Nichts zu machen.

Diesen Eindruck macht auf uns auch unser Taxifahrer Nelson, der uns ein paar Tage später für umgerechnet 40 EUR in das 300 km entfernte Trinidad bringt. Er spricht ein ordentliches Englisch und beantwortet bereitwillig unsere Fragen. Im wirklichen Leben ist er eigentlich Rechtsanwalt, hat diesen Beruf allerdings gegen den Job des Taxifahrers eingetauscht, um mehr Geld für sich und seine sechsköpfige Familie verdienen zu können. Und tatsächlich scheint das Taxi-Geschäft nicht schlecht zu laufen, denn er ist tadellos, fast elegant gekleidet und sein weißes Oberhemd hat sogar Bügelfalten. Während unseres vierstündigen Transfers offenbart er uns, dass sein “Plan” der Lotto-Gewinn in Form einer Green-Card für die USA sei, die ihm dort eine unbefristete Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis garantiert (die Chancen dafür, ich habe gegoogelt, stehen übrigens mit 1:25 bis 1:75 viel besser, als man bei dem Begriff Lotterie vermuten würde).

Am frühen Nachmittag erreichen wir Trinidad, die nächste Station unserer kleinen Rundreise. Wir verabschieden uns von Nelson und wünschen ihm alles Gute und viel Glück im Lotto – er wird es benötigen können.


Trinidad


Auch in Trinidad, das an der zentralen Südküste Kubas liegt, wohnen wir wieder in einer Casa Particular, werden auch hier sehr herzlich und zuvorkommend aufgenommen und beherbergt. Von unserer Unterkunft aus erreichen wir in nur wenigen Minuten das Zentrum und die Sehenswürdigkeiten rund um die Plaza Major, die noch heute von der Pracht der Kolonial-Perle Trinidad zeugen. Trotz vermeintlich kurzer Wege legen wir aber auch hier auf unseren täglichen Fotowalks weit über 10 km zurück; es gibt einfach zu viel zu sehen und zu entdecken. Als ehemals drittgrößte Stadt Kuba’s verdankte Trinidad seinerzeit ihren Reichtum dem Zuckerrohranbau und Sklavenhandel und zählte bis Mitte des 19. Jahrhunderts sogar zu den bedeutendsten Zuckermetropolen der Insel. Inzwischen ist sie, wirtschaftlich gesehen, in der Bedeutungslosigkeit verschwunden, wirkt aber aufgrund ihrer gut erhaltenen Kolonialarchitektur als großer Touristenmagnet. Obwohl die Straßen belebt und vor allem das Zentrum gut besucht ist, wirkt Trinidad, im Gegensatz zum Moloch Havanna, beschaulich, aufgeräumt und gediegen.



Neben dem Treiben auf den Haupt- und Nebenstraßen finde ich diesmal hauptsächlich auf dem Wochenmarkt der Stadt unzählige Fotomotive. Wir besuchen außerdem eine kleine Kaffeeplantage sowie eine winzige Hazienda, auf der – für Touristen extra aufbereitet – die ehemals aufwendige und körperlich sehr anstrengende Zuckergewinnung demonstriert wird. Ich fotografiere, bis der Auslöser glüht und habe nach einer Woche Kuba bereits über 2500 Fotos geschossen – eine überwältigende Ausbeute!


Die Belohnung – Cayo Santa Maria


Am achten Tag unserer Reise verlassen wir Trinidad und kehren zurück an die Nordküste Kubas. Die letzte Station unseres Roundtrips ist die kleine Insel Cayo Santa Maria, gelegen inmitten eines Naturschutzreservates, auf der nun Strand- statt Stadtspaziergänge auf der Tagesordnung stehen. Darauf freut sich besonders der beste Ehemann von allen, der bis dato mein Hobby, trotz schwül-warmer Temperaturen von permanent über 30 Grad, geduldig unterstützt und ertragen hat. Hier auf Cayo Santa Maria, einem kleinen Eiland, das den ausländischen Touristen vorbehalten ist, nimmt unser kubanisches Reise-Abenteuer sein Ende und entlässt uns in eine gewohnte Urlaubswelt: Hotels mit westlichem Standard, was Unterbringung, Verpflegung sowie Unterhaltung betrifft. Außergewöhnlich allerdings sind der weitläufige Naturstrand und die über einen normalen Service hinaus gehende Gastfreundschaft der einheimischen Hotelangestellten. Die Tage am Strand vergehen leider viel zu schnell und Ende März 2022 treten wir vom internationalen Flughafen in Varadero aus wieder unsere Heimreise an. Inzwischen laufen nicht nur meine optischen Speicherkarten über, sondern auch unsere emotionalen Eindrücke. Sie liegen außerhalb jeder Norm und sind so vielfältig und immer noch so intensiv, dass wir den Vorsatz fassen, dieser besonderen Insel baldmöglichst einen weiteren Besuch abzustatten.




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